Tri-tra-trullala! (Click here for English version!) 
Das Kaspertheater früher und heute

Jahrmarktskasper - H. Stockmann um 1920Inhalt:
Ein kurzer geschichtlicher Überblick
Der Hohnsteiner Kasper
Kaspertheater heute
Die Hauptdarsteller
Literatur

Ein kurzer geschichtlicher Überblick
Die Hauptfigur im traditionellen Handpuppenspiel des deutschen Sprachraums ist Kasper - oder auch Kasperl oder Kasperle. Doch schon lange vor Kasper hat es im deutschen Puppenspiel der letzten Jahrhunderte immer eine komische Figur gegeben. Der Name und das Aussehen dieser Gestalt konnte wechseln, der Charakter ist immer ungefähr gleich geblieben. Ob Pickelhering oder Hans Wurst: immer handelte es sich um den kleinen, einfachen Mann, der sich auf seine Weise - nämlich mit Witz und mit der Pritsche - gegen alle zur Wehr setzt, die ihm das Leben schwer machen. Ähnlich wie bei Mr Punch in England, geht der Charakter dieser Figur unter anderem auch auf den Einfluss von Pulcinella und der Commedia dell’arte zurück. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts trug sie zum Beispiel in Hamburg den Beinamen "Putschenelle", in Frankfurt "Borzenelle" und in München "Pritschenelle" und in anderen Gegenden "Polcinell", "Porcinella" oder "Putznelken". Der Name Kasper könnte aus den Mysterienspielen stammen, die seit dem Mittelalter in den Kirchen aufgeführt wurden. In der katholischen Tradition hießen die (drei) heiligen Könige, die den neugeborenen Jesus aufsuchen, Caspar, Melchior und Balthasar. Möglicherweise hat also die Figur "Casper" über lange Zeit hinweg ihren Platz in der deutschsprachigen Theatertradition, bis sie dann schließlich auf der Puppenbühne ihre Vorgänger verdrängte.

Graf Poccis Kasper LarifariMaßgeblich dazu beigetragen hat das 1858 in München uraufgeführte Marionettenspiel "Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß oder Die bezauberte Lilie" von Graf Pocci. Darin erscheint Kasper Larifari in einer neuen Rolle: Er ist nun der zwar nicht sehr intelligente, aber doch gutherzige und tapfere Knappe des Prinzen Rosenrot, dem er am Ende auch hilft, die Prinzessin aus der Gewalt des bösen Zauberers Negromanticus zu retten. Dieses Schauspiel wurde über viele Jahre hinweg mit Erfolg aufgeführt und hat bis heute das Grundmuster für viele märchenhafte Kasperspiele geliefert.
Auch im Puppenspiel von "Doktor Faust" spielt Kasper eine wichtige Rolle. Ebenso wie das berühmte Drama von Goethe (aber literarisch davon unabhängig) basiert dieses Puppenspiel auf einem alten Volksmärchen, bei dem ein Mann seine Seele an den Teufel (oder Mephistophiles) verkauft. Selbst in den dramatischen Szenen taucht Kasper darin als Spaßmacher auf.
Neben solchen kunstvollen Puppenspielen, die sowohl mit Marionetten als auch mit Handpuppen aufgeführt wurden, gab es im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts immer noch den typischen Jahrmarktskasper. Ähnlich wie sein englischer Vetter Punch schlägt sich dieser Kasper im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben. Um bei Straßenvorstellungen das Publikum zu gewinnen, waren slapstickartige Szenen und schnelle Szenenfolgen unerlässlich. Im süddeutschen Raum hat sich diese Art des Kaspertheaters stärker gehalten als in anderen Gegenden, so gab es z.B. im Jahr 2002 auf dem Oktoberfest in München zwei mobile Kasperbühnen! [Seitenanfang]

Der Hohnsteiner Kasper

Ungefähr um 1920 erfuhr das Handpuppenspiel in Deutschland eine Aufwertung, die - neben anderen - zu einem großen Teil Max Jacob und seinem Freundeskreis zu verdanken ist. Als junger Mann war Jacob Mitglied des "Wandervogel", einer frühen unpolitischen "Zurück-zur-Natur"-Bewegung. Neben dem gemeinsamen Wandern wurde in diesen Kreisen auch verschiedene ursprüngliche Traditionen wieder entdeckt und gepflegt wie Volkstanz, Volkslieder und Laienschauspiel.

Max Jacob im hohen Alter mit seinem KasperMax Jacobs Interesse am Puppenspiel wurde übrigens nicht durch eine Vorstellung, sondern durch eine hölzerne Kasperpuppe geweckt, die er bei den Kindern seiner Vermieterin gesehen hatte. Kurze Zeit später bekam er selbst eine geschenkt, die - nach gründlicher Überarbeitung durch Elisabeth Grünwald - das Vorbild für alle späteren Hohnsteiner Kasperpuppen werden sollte. An seinem 33. Geburtstag, im August 1921, gab Max Jacob im Kreis von Wandervogelfreunden seine erste Vorstellung; weitere folgten. Kurze Zeit später kündigte er seinen Bürojob und baute sich eine neue Existenz als reisender Puppenspieler auf. Stützpunkt für ihn und seine Truppe wurde zuerst Hartenstein und dann für einige Jahre die Burg "Hohnstein" in Sachsen, die zu jener Zeit als Jugendherberge genutzt wurde. Dort entwickelt sich das, was man später den "Hohnsteiner" Stil nannte. Die meisten der Hohnsteiner Handpuppen wurden in dieser Zeit von Theo Eggink geschnitzt und von Elisabeth Grünwald eingekleidet.
Statt Miete zu zahlen, mussten Max Jacob und seine Leute jedes Jahr im Sommer eine bestimmte Anzahl von Vorstellungen auf der Burg abhalten. Das restliche Jahr über reisten sie durch die Lande, um bei Vorstellungen in Schulen, Gemeindehäusern, Gaststätten und Vereinshäusern ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Lange Zeit waren die Hohnsteiner Puppenspieler mit zwei verschiedenen Ensembles unterwegs (der größeren "Adler"-Bühne mit bis zu vier Puppenspielern und der kleineren "Opel"-Bühne mit zwei Spielern; benannt nach den Fahrzeugen, mit denen sie jeweils unterwegs waren).
Im März 1933 wurde Schloss Hohnstein von der SA besetzt und die Puppenspieler praktisch über Nacht auf die Straße gesetzt. Dennoch konnten sie sich zunächst unten im Städtchen Hohnstein ansiedeln, es wurde sogar ein festes Puppentheater, das "Kasperhaus", erbaut. Während des Krieges sind viele Mitwirkende und Freunde aus dem Umfeld der Hohnsteiner gefallen, einzelne sind in Konzentrationslager verschleppt worden. Max Jacob selbst konnte sich mit wechselnden Mitspielern durch Fronttheatervorstellungen über Wasser halten. Nach dem Krieg begann Max Jacob, die Hohnsteiner Bühne in Westdeutschland neu aufzubauen, und zwar in Hamburg, wo ihn Freunde unterstützten. Hier stieß der Puppenspieler Friedrich Arndt zu ihm, der in den folgenden Jahren den Stil des Hohnsteiner Kaspers weiterentwickelte.
 
Der Hohnsteiner Stil war in mehrerlei Hinsicht neu: Zunächst veränderten die Hohnsteiner das Aussehen der Kasperpuppe: die steife Kappe wurde durch eine lange, weiche Mütze ersetzt, die in einem Zipfel endeten oder - nach Art der mittelalterlichen Hofnarren - mit einer Schelle versehen waren. Diese Mütze lässt sich wie ein Propeller umherwirbeln. Auch das Gesicht der Kasperfiguren wurde freundlicher gestaltet.
 
Kasper rettet die Prinzessin aus den Klauen des KrokodilsMehr noch: Kasper erhielt eine neue Identität. Kasper machte zwar immer noch seine Witze, aber sie wurden jetzt geistreicher. Kasper wurde zum positiven Held: drollig, aber nicht dumm; humorvoll, schlagfertig und tapfer. In den ersten Jahren machte Kasper durchaus noch von seiner Pritsche Gebrauch, später jedoch geriet sie mehr und mehr in Vergessenheit. Die Pritsche freilich ist keine Keule: es wird niemand mehr totgeschlagen, eher aufgerüttelt oder verjagt. War der Kasper früherer Zeiten immer ein Erwachsener gewesen, so ist er jetzt eher ein Kind. Die Vorstellungen wurden immer perfekter ausgebaut, Tänze, Musik und sogar pyrotechnische Effekte machten für das damalige, noch nicht vom flimmernden Fernsehprogramm verwöhnte Publikum, jede Aufführung zu einer faszinierenden Darbietung.

Drittens schufen die Hohnsteiner neue Figuren. Während das Krokodil, der Teufel und der Schutzmann seit langem zur Kaspertradition gehörten, sind Seppel und Gretel und viele andere Figuren, die heute in fast jeder Aufführung vorkommen, eine Erfindung der Hohnsteiner.
Auch Kaspers berühmtes Lied:

"Tra-tra-tralla-la, Tra-tra-tralla-la, ..."

geht auf die Hohnsteiner zurück und wird auch von Laienspielern, die nie etwas von Max Jacob gehört haben, verwendet (zum Teil in der Form "Tri-tra-trullala, Kasperle ist wieder da").
Max Jacob war nicht nur ein großartiger Puppenspieler, sondern auch der Autor vieler Puppenspiele. Der Stoff wurde von anderen Dramen (z.B. Doktor Faust) übernommen, aber auch aus der Märchenwelt (Prinzessin und Schweinehirt) oder aus dem Alltagsleben. Viele bekannte Hohnsteiner Puppenspiele der späteren Zeit wurden von Friedrich Arndt verfasst.
Natürlich klebten Max Jacob und seine Mitstreiter nicht stur am Manuskript, ihre Vorstellung lebten gerade von den Improvisationen, die sich aus aktuellen Anlässen oder aus Zurufen des Publikums ergaben.
In seinen späten Jahren wurde Max Jacob Präsident der UNIMA, der weltweiten Puppenspieler-Vereinigung. [Seitenanfang]

 
Kaspertheater heute

Eine typische Szene: vor dem Kasperhaus (Satteldorfer Puppenbühne)
Der Hohnsteiner Stil hat sowohl das professionelle wie auch das Amateur-Kaspertheater nachhaltig beeinflusst. In einer Kasper-Vorstellung ist er der sympathische Held, dem die ungeteilte Unterstützung des Publikums zukommt. Er ist zwar manchmal ungezogen und muss mitunter Lehrgeld zahlen, aber er hat ein gutes Herz, und oft ist es vor allem ihm zu verdanken, wenn sich am Ende das ganze Drama in Wohlgefallen auflöst. Er ist manchmal naiv, aber doch auch schlagfertig - und am Ende ist er der Gewinner.

Viele professionelle Puppenspieler (sofern sie überhaupt noch mit "Kasper" arbeiten und sich nicht "Figurentheater" nennen) bieten heute Stücke der Hohnsteiner oder Märchenstücke anderer Art. Beliebt ist auch "Der Räuber Hotzenplotz" von Otfried Preußler. Den alten Jahrmarktskasper gibt es heute kaum mehr.
Beim Amateurkaspertheater wird oft auf kürzere Stücke verschiedenster Autoren zurückgegriffen und sie heißen dann: "Kasper und das verlorene Geburtstagsgeschenk", "Kasper und Seppel auf dem Mond" usw.
Bei Vorstellungen in Kindergärten oder Schulen werden durch Kasperstücke oft erzieherische Inhalte vermittelt. Kasper erlebt seinen ersten Schultag, er hat Angst vor dem Zahnarzt, er lernt, was Umweltschutz ist oder dass man bei roter Ampel nicht über die Straße darf. Besonders bei diesen Stücken wird Kasper selbst als Kind gesehen, aus dessen Erfahrungen die Kinder etwas lernen oder eigene Lebenserfahrungen reflektieren können. [Seitenanfang]

Die Hauptdarsteller

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Handpuppen der Satteldorfer Puppenbühne (aus dem Hause Scheithauer)
 
(Von links nach rechts - 1. Reihe: Krokodil, Struppi. 2. Reihe: Pfarrer, Frau, Teufel, Räuber, Hexe, Zauberer. 3. Reihe: Fee, Prinzessin, Seppel, Kasper, Gretel, Afrikaner, Löwe, Bär. 4. Reihe: Prinz, König, Diener, Polizist, Großmutter, Wolf)


In Stücken, wo Kasper als "Erwachsener" verstanden wird, kann Gretel als seine Frau erscheinen, ansonsten wird sie als seine große Schwester oder Freundin angesehen, die den übermütigen Kasper des öfteren zur Vernunft rufen muss. Oft lebt Kasper im Haus seiner Großmutter, wo er Unmengen an Pfannkuchen oder Leberwürsten verzehrt, die er bestenfalls mit seinem Freund Seppel teilt.
Nicht alle Figuren müssen bei jeder Vorstellung erscheinen. Hexe, Zauberer, Teufel, Räuber und Krokodil verkörpern die bedrohlichen Mächte, die Fee, die Prinzessin und der Prinz stehen für das Gute, und der Wachtmeister und der König für Gerechtigkeit und Justiz (wozu sie allerdings oft genug Kaspers Hilfe brauchen...) [Seitenanfang]
 

Literatur zur Geschichte des Kaspertheaters
 
Max Jacob, Mein Kasper und ich. Lebenserinnerungen eines Puppenspielers. Rudolstadt 1964
Herold’s großes Kasperlebuch. Stuttgart 1980
Dr. Johannes Minuth, Das Kaspertheater und seine Entwicklungsgeschichte. Frankfurt 1996
Heinrich Klockenbusch, Geschichte des Kaspers in Deutschland
Weitere Literaturhinweise auf unserer Seite "Buchempfehlungen"
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Alle Fotos und Grafiken auf diesen Seiten (c) 2002 Satteldorfer Puppenbühne.
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